FANLADEN ST.PAULI

…mehr als nur ein Fanprojekt

Stellungnahme des Fanladen St. Pauli zu dem Spiel in Rostock am 19.11.2011

23.11.2011

Stellungnahme des Fanladen St. Pauli zum Auswärtsspiel in Rostock am 19.11.2011

Zunächst einmal: es gab auch positive Aspekte an diesem Tag über das Ergebnis des Spiels hinaus. So waren die von der Bundespolizei in Hamburg-Altona eingesetzten Beamten überaus freundlich, ebenso die Ordner des FC Hansa Rostock und die Bundespolizei vor der Abfahrt der beiden Züge nach dem Spiel. Am Rostocker Hauptbahnhof konnten sich die Gästefans ausreichend mit Essen und Getränken versorgen, es gab ausreichend Toiletten und sogar Schließfächer. Leider war es das dann auch schon fast.
In der Summe müssen wir feststellen, dass diverse vorab getroffene Aussagen der Polizei nicht eingehalten wurden, die im Folgenden ebenso kurz aufgeführt werden, wie andere aus unserer Sicht kommentierenswerte Aspekte des Spieltags.
– Der Fanladen St. Pauli hatte für dieses Spiel einen Sonderzug von Hamburg- Altona bis Rostock-Parkstraße angemietet. Für diesen Zug gab es ausweislich des Mietvertrages kein Glasflaschen- und Dosen-Verbot. Von Seiten der Polizei wurde ein Endhaltepunkt Rostock-Hauptbahnhof bestimmt und ein Halt Parkstraße verweigert. Zudem gab es eine Allgemeinverfügung der Bundespolizei, die die Mitnahme von Glasflaschen u.a. auf der vom Sonderzug genutzten Strecke untersagte. Von der Bahn wurde weiterhin ein Entlastungszug eingesetzt.
– Die Abgitterung auf dem Bahnhof Hamburg-Altona wurde von der Bundespolizei entgegen der vorherigen Information auf der Sicherheitsbesprechung so aufgebaut, dass es separate Zugänge zu den Bahnsteigen des Sonder- und des Entlastungszuges gab. Eine Vorab-Fahrkartenkontrolle in Altona war uns somit verunmöglicht.
– Obwohl auf der Sicherheitsbesprechung als auch auf der vorherigen Besprechung bei der Polizeiinspektion Rostock mit der Polizei gegenteiliges besprochen wurde, wurden die Mitarbeiter des Fanladen St. Pauli, dem Mieter des Sonderzuges, sowie der vom Fanladen eingesetzte Ordnungsdienst einer außerordentlich peniblen Leibesvisitation unterzogen – alle Taschen mussten geleert werden, es wurde in Zigarettenschachteln und Creme-Dosen/-Tuben geschaut, mitgebrachte Brötchen mussten geöffnet werden (!), die Leibesvisitation ging bis hin zu einem Abtasten der Strümpfe in den Schuhen.
An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein, ob auch Polizeikräfte und Ordnungsdienste der Vereine vor Dienstantritt durch „andere“ Polizei- oder Ordnerkräfte kontrolliert werden!
– Auch im weiteren Verlauf der Vorkontrollen in Altona wurden die Fans intensivst durchsucht. Obwohl die Fans sehr früh in Altona waren und durchgehend kontrolliert wurden, entstand so eine Verzögerung von 20 Minuten. Eine größere Gruppe hatte sich entschieden, sich nicht der Vorkontrolle in Altona zu unterwerfen und den Regelzug nach Rostock genutzt. Wären diese ca. 150 Personen ebenfalls wie geplant in Altona zugestiegen, hätte sich die Abfahrt aufgrund der Kontrollen durch die Bundespolizei entsprechend weiter verzögert.
– Trotz des vorbildlichen und kooperativen Verhaltens der Fans bei den Vorkontrollen in Altona wurden diese bei Ankunft in Rostock durch behelmte und größtenteils vermummte Polizeikräfte und aggressive Hunde ohne Maulkorb in Empfang genommen.
– Vom Vorplatz des Bahnhofs sollten die St. Pauli Fans per Shuttlebus zum Stadion gefahren werden. Auf der Sicherheitsbesprechung wurde verabredet, dass von den zwölf zur Verfügung stehenden Bussen jeweils vier gleichzeitig bestiegen werden sollten, um dann gemeinsam zum Stadion eskortiert zu werden. Beim Besteigen der Busse sollten ausschließlich Kräfte des vom FC St. Pauli eingesetzten Ordnungsdienstes Contro behilflich sein. Stattdessen wurde allerdings zunächst immer nur ein, später zwei Busse gleichzeitig bestiegen, um dann in Vierer-Kolonne zum Stadion zu fahren. Dies führte zu teilweise nicht unerheblichem Unmut in den jeweils zuerst befüllten Bussen. Außerdem wurde das Besteigen der Busse hier von der Polizei überwacht, die Contro-Ordner konnten nur am Rand stehen und zusehen. Insgesamt waren laut Aussagen von Polizeikräften vor Ort wohl weniger als die angekündigten zwölf Busse im Einsatz.
– Der Gästeeinlass gestaltete sich nach unserem Eindruck derart, dass der „Blocksturm“ durch einige Gästefans nicht wirklich ernsthaft verhindert werden konnte. Hier hätte bei der Brisanz des Spiels und dem ansonsten sehr hohen Aufkommen an Sicherheitskräften ein anderes Konzept einen solchen „Blocksturm“ verhindern können.
– Von Seiten der Heimfans kam es bereits vor dem Spiel sowohl im Umlauf als auch innerhalb der Tribünen zu einem teilweise massiven Bewurf des Gästeblocks. Auch hier hätten wir nach der Sicherheitsbesprechung erwartet, dass dies nicht möglich wäre.
– Vom Betreten der Südtribüne durch die Heimfans an bis nach Abpfiff wurden durchgehend (!) Fanutensilien des FC St. Pauli verbrannt! Teilweise lagen brennende Gegenstände auf den Sitzschalen des Pufferblocks, meist hingen diese von Fahnenstangen in den Innenraum oder brannten am Geländer vor dem Block. Es gab hierzu weder eine Durchsage des Stadionsprechers noch einen Einsatz der Feuerwehr oder des Ordnungsdienstes.
– Trotz gegenteiliger Anweisung durch den Verband wurden vom Stadionsprecher auch keine Versuche unternommen, die wiederholten homophoben Sprechchöre von allen Seiten der Heimtribünen zu unterbinden. Ein Banner mit der Aufschrift „In Arsch… Ihr Homos“ (sic!) hing über nahezu die gesamte Spieldauer am zaun des Pufferblocks der Südtribüne in Richtung Gästeblock. Weder die dort befindliche Polizei noch der Ordnungsdienst hielten es für notwendig, dieses Banner zu entfernen.
– Es wurde auf den Vorbesprechungen mehrfach über ein durch Hansa-Fans entwendetes Banner gesprochen. Als dieses wie zu erwarten in der zweiten Halbzeit durch vermummte (!) Hansa-Fans im Pufferblock (!) präsentiert, zerschnitten und anschliessend angezündet wurde, gab es außer dem Ausbleiben von Reaktionen im Gästeblock allerdings auch keinerlei Reaktion beim Ordnungsdienst oder der Polizei.
– Als nach dem 1:0 für den FC St. Pauli im Gästeblock eine Bengalfackel entzündet wurde, kam es zum einen zum Bewurf des Gästeblocks mit Böllern, vor allem von der Osttribüne, zum anderen zum Beschuss des Gästeblocks mit Leuchtkugeln von der Süd- und der Osttribüne. Hierbei erlitt mindestens ein Gästefan ein Knalltrauma. Das Spiel wurde zwar unterbrochen, die Anzahl an Sicherheitskräften erhöht – zu einem weiteren Einsatz des Ordnungsdienstes oder der Polizei kam es hier nicht. Auch nach dem 3:1 für den FC St. Pauli kurz vor Ende des Spiels wurde eine Leuchtkugel von der Südtribüne in den Gästeblock geschossen. Weiteren Beschuss gab es, als im Gästeblock nach Spielende Rauchpulver entzündet wurde, als die Mannschaft in die Kurve kam.
– Auf der Rückfahrt der Shuttlebusse kam es trotz der Zusicherung der Polizei Rostock, dass diese Variante sicher sei, zu Steinbewurf und mindestens einer verletzten Person.
– Die von der Bundespolizei am Bahnhof ausgegebenen Informationen an die Gästefans waren teilweise widersprüchlich und verwirrend, da nicht zwischen dem Sonder- und dem Entlastungszug unterschieden wurde. Lediglich die Einsatzkräfte auf dem Bahnsteig selbst sorgten hier für die nötige Klarheit. Durch die verwirrende Kommunikation verpasste eine kleine Gruppe Gästefans den zu früh abfahrenden Entlastungszug und musste durch Bundespolizei geschützt den Regelzug nutzen.
– In der Unterführung, durch die man zu dem Bahnsteigen gelangt, wurde mehrfach das sogenannte „U-Bahn-Lied“ von Hansa-Fans skandiert. Der von der Fanbetreuung des FC St. Pauli angesprochene Rostocker FKB behauptete, dieses sei nicht strafbar.
– Entgegen der Ankündigung war der Bahnsteig neben dem, von dem der Sonder- und der Entlastungszug abfahren sollten, nicht gesperrt und frei von Hansa-Fans. Stattdessen befand sich auf dem Bahnsteig der beiden Züge für die St. Pauli Fans eine überdimensionale Anzahl an Polizeikräften. So kam es zu Flaschenwürfen auf die wartenden St. Pauli Fans vom Nebenbahnsteig. Bei der Ausfahrt des Sonderzuges wurde dieser durch mindestens einen Stein und zwei „Farbeier“ getroffen und beschädigt.
Zusammenfassend müssen wir feststellen, dass wir auf den Sicherheitsbesprechungen nur wenige unserer Ansichten und Argumente durchbringen, bzw. nur wenig am Einsatzkonzept der Polizei ändern konnten. Die Polizei hat wiederum diverse angekündigte Maßnahmen geändert und dies i.d.R. „zum Nachteil“ der Gästefans. Auf unseren Einwand, dass eine Allgemeinverfügung und Vorkontrolle in Altona eher dazu führen, dass eine „Trotzreaktion“ erfolgt, wurde nicht gehört. Wir sehen die „Gefahr“, dass bei künftigen Spielen unter derartigen Vorzeichen ein Großteil der Fans individuell und nicht mehr organisiert anreisen wird. Mehr Kontrolle, mehr Auflagen, mehr Einschränkungen – mehr „Repression“ – scheint derzeit für die Sicherheitsorgane das einzige probate Mittel zu sein. Wir verlangen von allen Beteiligten, auf ein vernünftiges Miteinander auf Augenhöhen zu kommen, um künftig auch Spiele mit erhöhtem Sicherheitsrisiko und Derbycharakter, die den Reiz dieses Sports mit ausmachen, friedlich und mit Fans beider Vereine stattfinden lassen zu können.
Turnusgemäß wird es keine gemeinsame weitere Aufarbeitung des Spieltages mit uns, der Polizei und den weiteren Beteiligten geben. Wir fordern daher auf diesem Wege ein Umdenken in der grundsätzlichen Sicherheitsstrategie! Der eingeschlagene Weg der Eskalation muss sofort beendet werden. Und hierbei sind vor allem die professionellen Akteure in der Pflicht, erste Schritte zu unternehmen!

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